1. Konkreter Anlass: Habe vor ein paar Tagen meine Wasser- und Stromrechnung gekriegt, die man hier entweder direkt bei den Betreibern bar bezahlen kann oder auch bei sogennanten ServiPag's, also Dienstleister, bei denen man zumindest theoretisch alle seine Rechnungen bezahlen kann und nicht zu jedem einzeln laufen muss. (Für mich an sich sehr praktisch, da ich dann hier kein Bankkonto eröffnen brauche, was ebenfalls nur höchstem bürokratischen Aufwand möglich ist!)
Bin also schön nach dem Feierabend in eine Mall direkt bei mir in der Nähe, da diese sowohl einen ServiPag, also auch ein Supermarkt hat. Schon von weitem seh ich, dass sich davor ein Menschenmenge gebildet hat, trotzdem geh ich rein und zieh meine Nummer (hier muss man immer und überall, sogar in Apotheken/Drogerien/Käsetheken......., eine Nummer ziehen und warten bis man dran ist). Ein Blick auf meine Nummer (136) und das Anzeigeschild (956) der Nummer die gerade bedient wird: na klasse, muss ja aber eh noch einkaufen gehen. Nach ganz entspanntem einkaufen, komm ich also wieder und muss feststellen, dass immer noch 130 Leute vor mir sind, aber ich bin ja in einer Mall, dann besorg ich mir halt was zu essen.
Eine weitere halbe Stunde später kommen ich also mit vollem Magen zurück und muss schon wieder feststellen, dass immer noch 70 Leute vor mit dran sind. Na gut denk ich mir und geh halt einbisschen shoppen. Nach insgesamt 1 1/2 std bin ich dann doch noch mal drangekommen und habe dann erfahren, dass ich meine Stromrechnung doch nicht bei ServiPag bezahlen kann, da die Firmen nicht zusammenarbeiten. Letztendlich habe ich dann also 1 1/2 std. rumgetrödelt, damit ich meine Wasserrechnung von umgerechnet 3,5€ bezahlen konnte. Alles klar!
Der ein oder andere wird sich jetzt fragen, warum zumindet die Chilenen, die ja ein Bankkonto haben, das ganze nicht per Internetbanking lösen. Das dürft wohl daran liegen, dass hier eine 600er Internetleitung schlappe 50€ kostet. Das ist 1/6 des Bruttegehalts eines Concierge in meinem Haus (warum ich das weiß siehe Punkt 4.).
2. Wenn man nach Chile kommt, ist es sehr hilfreich wenn man gedulig ist (wie auch schon am ersten Beispiel erkennbar), ist man das nicht (so wie ich) muss man schon das ein oder andere mal einfach nur an den Kopf fassen: Kassiererinnen arbeiten hier grundsätzlich in einer so atemberaubenden Geschwindigkeit, dass man einfach einpennen könnte in der Schlange auch wenn bloß eine Person vor einem steht. Die ersten Tage dachte ich noch, dass ich zufällig immer an eine Mitarbeiterin gerate, die gerade an dem Tag ihren ersten Tag hat und gleichzeitig nicht unbedingt ein Talent für ihren Job hat. Aber irgendwann zieht diese Entschuldigung auch nicht mehr...
Interessant fand ich auch mal, als eine Kassiererin gerade als ich als Letzte dran war, mal eben angefangen hat die Kasse zu zählen anstatt mich meine 5 € bezahlen zu lassen und es dann anzufangen.
Kassensysteme sind auch nicht ganz das was sie sein sollten. Wollte mal einen Betrag von 20 € mit der Kreditkarte bezahlen, weil ich nicht genug Bargeld hatte. Ja, aus dem Laden bin ich dann erst 40 min. nachdem ich bezahlen wollte wieder mit einer Tüte in der Hand rausgekommen. Ihr System wollte mich nicht den Betrag in einer Rechnung zahlen lassen, sondern in 4! An sich kein Problem für mich, aber wohl irgendwie für die Angestellten. Zur Höchstzeit haben sich dann 5 Mitarbeiter hinter der Kasse angesammelt und mir versucht was auf spanisch zu erzählen und das Ding zum funktionieren zu bringen bis ich irgendwann nur noch genervt meinte, dass ich jetzt Bargeld holen gehe und sie mir doch bitte sagen sollen, wo die nächste Bank ist. Naja, es hat sich dann auch ein englischsprechender Angestellter gefunden, der mir auch sagte, dass es eine Bank genau auf der anderen Straßenseite gibt. Problem: an diesem Tag hat ausgerechnet da ein Punkkonzert stattgefunden und die Polizei hatte alles abgeriegelt und stand da mit Wasserwerfern und gepanzerten Fahrzeugen! Gott sei Dank ist der Angestellte mitgekommen und redete dann auf die Polizisten ein, dass sich mich doch bitte durch die Absperrung lassen. Nachdem ich dann endlich genug Bargeld hatte, wollte das Kassensystem aber gar nichts mehr machen und ist abgestürzt. Als ich dann gefragt hab, ob ich nicht an einer Kasse einer anderen Abteilung zahlen kann, hieß es: nee, das geht nicht. Ja, das war mir dann auch eine Lehre: also immer genug Bargeld mitschleppen.
3. Ja, die Chilenen sind sehr gesundheitsbewusst!?! Es gibt hier alles auch "light", sogar SALZ!!! Gleichzeitig kann man aber noch nicht mal einen Orangensaft finden, der nicht aus 50% Zucker besteht auch wenn da light drauf steht.
4. Datenschutz: haha ;-). Nochmal zurück zu den Concierge die hier im Hause Tag und Nacht sitzen. In Chile gibt es zusätzlich zu den Nebenkosten, die man in Deutschland kennt, auch noch die sogenannten gastos comunes. Diese beinhalten halt das Gehalt der Concierge und alles was sonst noch anfällt für die Pflege und Administration des Gebäudes. Das krasse ist, dass auf der Abrechnung das Gehalt bis auf den letzten Cent zusammen mit dem Namen des Concierge steht! und noch besser find ich, dass ebenfalls alle nicht bezahlten Rechnungen mit Betrag und Name des Mieters auf der "schwarzen Liste" stehen und die somit schön noch mal an den Pranger gestellt werden.
Übrigens kann sich so ein Concierge noch nicht mal die Kaltmiete einer der Wohnungen leisten und muss davon wahrscheinlich eine ganze Familie ernähren.
5. Essen gehen. Da wir hier bei Siemens keine Kantine haben, sowie wohl mehr oder weniger alle Firmen hier, geht man mittags halt auswärts essen. Servicewüste besteht in der Hinsicht nicht nur in Deutschland. Bisher hat noch keine Bedienung, von keinem der unzähligen kleinen Restaurants es geschafft, dass alle gleichzeitig gegessen haben und ich rede von max. 4 Personen. Grundsätzlich ist es eher so, dass der letzte sein Essen kriegt, wenn der erste schon fertig ist und dass obwohl es in den meisten Fällen nur auf den Teller gehauen wird! Es ist ebenfalls möglich seinen Salat, der als Vorspeise gedacht ist, erst zur Nachspeise zu kriegen, obwohl man die Bedienung schon 2 mal darauf aufmerksam gemacht hat, dass noch ein Salat fehlt. Man muss dazu sagen, dass in den Restaurants 4-5 Bedienungen auf 30-40 Gäste kommen.
6. Läden. Neben den besagten Kassiererinnen gibt es auch noch scheinbar tausende andere Angestellte. Mehr als die Hälfte davon sind Sicherheitsangestelle. Oft kommt es mir so vor, dass mehr Sicherheitsangestelle in einem Laden sind, als Kunden. Weiterhin gibt es dann noch die Angestellten der verschiedenen Abteilungen, die in Gruppen von min. 6 Leute in einer Ecke stehen. Dieses Rudelverhalten soll, glaub ich, vor Serviceangriffen (auch Kundennachfragen genannt) schützen..
7. Höflichkeit. Grundsätzlich finde ich es ja nett, wenn einem die Tür aufgehalten wird und so weiter und so fort, aber hier übertreibt man es dann doch einbisschen. Wenn ich z.B. nur mit Kollegen essen gehe, muss ich immer und überall als erste durch ne Tür gehen. Auch wenn ich als letzte daher gehe, stellen sich alle zur Seite und warten bis ich vorbei bin. Noch schlimmer ist es nur noch in den Aufzügen, da muss ich natürlich auch als erste rein, aber da halten die sogar noch die Hand vor die Türen des Aufzuges, sodass ich wahrscheinlich nicht von ihnen zerquetscht werden. Naja, auf jeden Fall gehe ich dann halt durch bis zum Ende, weil ja auch noch andere Leute einsteigen wollen und muss mich dann wieder von hinten durchkämpfen und als erste wieder raus, wobei natürlich auch wieder dafür Sorge getragen wird, dass ich nicht eingeklemmt werde. Man fühl ich mich hier sicher :-).
8. Sprache. Gut, ich wusste mein spanisch ist nicht gerade gut, aber was ich hier sprachetechnisch vorfinde war mir nicht bewusst.
Die Begrüßung ist hier nicht wie man so schön gelernt hat: como estas sondern (Lautschrift) como etai? He, wat für ein Ding?
Es wird hier grundsätzlich kein s ausgesprochen, es sei denn es steht am Anfang eines Wortes, d.h. estas listo (bist du fertig) hört sich hier an wie: eta lito. Bis ich dann alle Möglichkeiten durchgegangen bin, was das nun bedeuten könnte, vergeht schon meist ein Weilchen.
Das b wird wie ein v ausgesprochen. Beispiel: febrero ist dann hier fevrero und Wortenden sind ja sowieso total überbewertet. Die braucht man hier nicht! Ich wohne hier in der Staße Diego de Velasquez und wenn das ein Chilene ausspricht hört es sich an wie: DiegodeVelaqu(e) (das e wird schon nur ausgesprochen wenn man glück hat). Es ist oft fast unmöglich zu unterscheiden wo ein Wort endet und das nächste anfängt! So schnell labbern die.
Auch habe ich schon öfter mal von jemandem gehört ich sein ein WOW WOW oder WAU WAU (wie auch immer das geschrieben wird). Ich bin doch kein Hund!! dachte ich im ersten Augenblick und war aber auch gleichzeitig froh, dass es eine etwa mitte 40 Jahre alte Kollegin war, die es zu mir als erste gesagt hat, so dass ich mich auch nicht angemacht fühlte. Wie es sich rausgestellt hat, soll das soviel heißen, dass ich ein "Baby" bzw. sehr jung bin. Gut zu wissen!
Naja, glücklicherweise gibt es dazu den ganzen Tag Sonnenschein, damit lassen sich dann auch diese Kleinigkeiten meist mit nem schmunzeln ertragen ;-).....
1 Kommentar:
hehe, toller artikel :)
ich liebe die ganzen "cultural differences" :)
lg auf die andere seite der welt!
bis bald!
miriam
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